Allg. Wechsel zum Patentanwalt aus gut bezahlter Ingenieursposition - realistisch sinnvoll?

hashtag32

Schreiber
Hallo zusammen,

ich (31m) überlege aktuell ernsthaft, noch den Weg zum Patentanwalt einzuschlagen und würde gerne ein möglichst realistisches Bild bekommen.

Kurz zu mir: Ich bin Elektrotechnik-/Softwareingenieur, seit rund 9 Jahren in der Industrie und technisch würde ich mich als ziemlich stark einschätzen. Sprachlich war ich dagegen nie überragend – Deutsch war in der Schule eher durchschnittlich. Schreiben und präzises Formulieren bekomme ich natürlich hin, aber ich bin definitiv nicht der klassische „Sprachmensch“.

Aktuell verdiene ich rund 120k und kann praktisch komplett remote arbeiten. Gleichzeitig empfinde ich meinen Job aber nicht als so sicher, wie es bei einem Großkonzern vielleicht von außen wirkt. Am Ende ist man doch relativ schnell nur eine Nummer, Bereiche werden umstrukturiert, Budgets gestrichen und Homeoffice-Regelungen oder andere Arbeitsbedingungen können sich innerhalb weniger Jahre komplett ändern.

Genau deshalb reizt mich am Patentanwaltsberuf auch die langfristige Perspektive: Ich habe den Eindruck, dass man sich über viele Jahre immer weiterentwickeln kann – technisch, rechtlich, strategisch und im Umgang mit Mandanten – und dass das eigene Wissen, der Ruf und der Mandantenstamm irgendwann einen echten persönlichen Wert darstellen. Man wäre damit langfristig vielleicht weniger von einem einzelnen Arbeitgeber abhängig. Ist dieser Eindruck realistisch?

Mich würden vor allem folgende Punkte interessieren:
  1. Einkommen / Selbstständigkeit
    Sind nach einigen Jahren ca. 150–200k persönliches Einkommen als Partner oder selbstständiger Patentanwalt realistisch, ohne dass man zu den absoluten Top-Ausreißern gehört?
    Und wie lange dauert es typischerweise, bis man in diese Größenordnung kommt?
  2. Mandanten / Unabhängigkeit
    Wie baut man überhaupt einen eigenen Mandantenstamm auf? Entsteht der hauptsächlich über die Kanzlei, Empfehlungen und bestehende Kontakte oder muss man aktiv akquirieren?
    Und hat man mit einem eigenen Mandantenstamm tatsächlich deutlich mehr berufliche Sicherheit und Unabhängigkeit?
  3. Homeoffice / Standort
    Wie realistisch ist es, nach Ausbildung und einigen Jahren Kanzleierfahrung wieder in eine kleinere Region zu ziehen und 80–100 % remote zu arbeiten? z.B. Saarland?
    Oder muss man gerade als Partner bzw. bei der Akquise regelmäßig in München, Düsseldorf etc. präsent sein?
  4. Stress / Arbeitszeit
    Wie stressig ist der Beruf wirklich? Sind 40–45 Stunden als etablierter Patentanwalt realistisch oder landet man bei entsprechendem Einkommen automatisch eher bei 50–60 Stunden?
    Was verursacht im Alltag den größten Stress: Fristen, Mandanten, Haftung, Akquise oder gerichtliche Verfahren?
  5. KI
    Wie viel nimmt euch KI mittlerweile tatsächlich ab? Recherche, Übersetzungen, Entwürfe, Analyse von Ansprüchen, Patentanmeldungen etc.?
    Spart das heute schon spürbar Zeit oder führt es am Ende nur dazu, dass mehr Output erwartet wird?
  6. Persönliche Eignung / Lernkurve
    Wie wichtig ist sprachliches Talent? Kann jemand, der technisch und analytisch sehr stark ist, sprachlich aber eher leicht überdurchschnittlich, trotzdem ein sehr guter Patentanwalt werden?
Und stimmt mein Eindruck, dass man in diesem Beruf auch nach 10 oder 15 Jahren noch deutlich besser werden kann und Erfahrung entsprechend wertvoll ist? Genau diese langfristige Lernkurve finde ich sehr attraktiv.

  1. Würdet ihr wechseln?
    Wenn ihr heute einen Ingenieursjob mit ca. 120k und aktuell sehr viel Homeoffice hättet, gleichzeitig aber die typische Abhängigkeit von einem Großkonzern mit Umstrukturierungen, wechselnden Arbeitsbedingungen usw.: Würdet ihr nochmal Master + Patentanwaltsausbildung machen?
Mich reizt vor allem die Vorstellung, langfristig mehr Kontrolle über die eigene Karriere zu bekommen und etwas aufzubauen, das stärker an die eigene Person, Expertise und Mandantenbeziehungen gekoppelt ist als an eine bestimmte Stelle in einem Unternehmen.

Bin gespannt auf eure ehrlichen Einschätzungen.
 

Fridolin

Schreiber
Hallo hashtag32,

1) Dein Alter is mMn kein Problem, ich war noch ein paar Jahre älter als Du, als ich ohne patentrechtliches Vorwissen mit der Ausbildung zum Patentanwalt begonnen habe. Das hängt aber sehr von der Kanzlei ab. Manche Kanzleien nehmen keine Ü30 Kandidaten.

2) während Deiner Ausbildungszeit zum Patentanwalt (ca. 3 Jahre) wirst Du Dich auf ein deutlich geringeres Einkommen einstellen müssen (je nach Kanzlei bis zu -50% zu Deinem jetzigen Gehalt).

3) Deine Vorstellungen zu Gehalt, Arbeitszeit und Homeoffice passen nicht ganz zusammen und schliessen sich zum Teil gegenseitig aus. Als angestellter Patentanwalt kannst Du je nach Kanzlei auch zu 100% ins Homeoffice gehen, der von Dir angegebene Gehaltsrahmen ist bei einer 40-45 Std Woche mMn aber unrealistisch. Du musst schon sehr effizient arbeiten und deinen Arbeitstag extrem durchgetaktet haben, damit Du mit 40 Std. an Deine untere Gehaltsgrenze kommst.

Als Partner kannst Du auch über Deine obere Gehaltsgrenze kommen, aber sicher nicht mit einer 40 Std Woche und 100% Homeoffice. Als geschäftsführender Partner hast Du Angestellte und Mandanten, um die Du Dich kümmern solltest, wenn Du willst, dass Deine Kanzlei läuft. Da kannst Du 80-100% Homeoffice vergessen.

Als Einzelkämpfer geht sich das mMn auch nicht aus. Wenn Du angestellter Patentanwalt bist, profitierst Du im Idealfall stark von effizienten Hintergrundprozessen, bei denen Dir die PAFAs viel nicht-anwaltliche Arbeit abnehmen. Als Einzelkämpfer hast Du diesen Luxus nicht, ergo mehr Arbeitszeit und/oder weniger Verdienst.

4) Sprachliches Talent ist sehr wichtig. Deine Hauptaufgabe als PA ist, komplexe technische Sachverhalte sprachlich kurz und prägnant auf den Punkt zu bringen. Wenn Du damit Probleme hast, brauchst Du länger und arbeitest ineffizient. Ergo mehr Arbeitszeit und/oder weniger Gehalt.

5) KI ist im Moment ein extremer Unsicherheitsfaktor in der Branche. Grosse Mandanten drehen wegen KI stark an der Preisschraube, d.h über kurz oder lang gibt es wahrscheinlich eine Konsolidierung, bei der Kanzleien verdrängt werden oder verschwinden. Mir macht meine Arbeit als PA Spass und ich bereue meine Wechsel nicht, aber die Zukunftsperspektiven sind durch die KI deutlich unsicherer geworden, so ehrlich muss man sein.

VG, Fridolin
 

macgyver01

SILBER - Mitglied
Mich würden vor allem folgende Punkte interessieren:
  1. Einkommen / Selbstständigkeit
    Sind nach einigen Jahren ca. 150–200k persönliches Einkommen als Partner oder selbstständiger Patentanwalt realistisch, ohne dass man zu den absoluten Top-Ausreißern gehört?
    Und wie lange dauert es typischerweise, bis man in diese Größenordnung kommt?
Es würde erstmal eine erhebliche Durststrecke während der Kandiatenzeit (3,5 -4 Jahre bis man beide Zulassungen hat) geben. Auch einige Jahre nach der Kandidatenzeit ist man oft noch weit weg von den genannten Zahlen.


  1. Mandanten / Unabhängigkeit
    Wie baut man überhaupt einen eigenen Mandantenstamm auf? Entsteht der hauptsächlich über die Kanzlei, Empfehlungen und bestehende Kontakte oder muss man aktiv akquirieren?
    Und hat man mit einem eigenen Mandantenstamm tatsächlich deutlich mehr berufliche Sicherheit und Unabhängigkeit?
Da gibt es kein Patentrezept... ;-)
Mehr berufliche Sicherheit? nicht zwingend. Wenn man z.B. gerade viel im Verbrennerbereich unterwegs ist, sieht es wohl nicht so gut aus im Moment.
Nur aufgrund beruflicher Sicherheit sollte man diesen Beruf auf keinen Fall ergreifen. Man muss Spaß daran haben, Wortklauber zu sein.

  1. Homeoffice / Standort
    Wie realistisch ist es, nach Ausbildung und einigen Jahren Kanzleierfahrung wieder in eine kleinere Region zu ziehen und 80–100 % remote zu arbeiten? z.B. Saarland?
    Oder muss man gerade als Partner bzw. bei der Akquise regelmäßig in München, Düsseldorf etc. präsent sein?
80%-100% remote geht. Gleichzeitig Partner sein/werden, geht oft eher schwer.

  1. Stress / Arbeitszeit
    Wie stressig ist der Beruf wirklich? Sind 40–45 Stunden als etablierter Patentanwalt realistisch oder landet man bei entsprechendem Einkommen automatisch eher bei 50–60 Stunden?
    Was verursacht im Alltag den größten Stress: Fristen, Mandanten, Haftung, Akquise oder gerichtliche Verfahren?
kommt immer drauf an. Haftung hat mir noch nie Stress verursacht. Viel Arbeit, enge Fristen kann schon zu Stress führen.

  1. KI
    Wie viel nimmt euch KI mittlerweile tatsächlich ab? Recherche, Übersetzungen, Entwürfe, Analyse von Ansprüchen, Patentanmeldungen etc.?
    Spart das heute schon spürbar Zeit oder führt es am Ende nur dazu, dass mehr Output erwartet wird?
Für Patentanmeldungen nutze ich bisher keine KI.

  1. Persönliche Eignung / Lernkurve
    Wie wichtig ist sprachliches Talent? Kann jemand, der technisch und analytisch sehr stark ist, sprachlich aber eher leicht überdurchschnittlich, trotzdem ein sehr guter Patentanwalt werden?
Wie ich oben schrieb, man muss Spaß daran haben, Wörter fünffach rumzudrehen und zwischen zwei fast gleichen Formulierungen den Unterschied zu erkennen.

Und stimmt mein Eindruck, dass man in diesem Beruf auch nach 10 oder 15 Jahren noch deutlich besser werden kann und Erfahrung entsprechend wertvoll ist? Genau diese langfristige Lernkurve finde ich sehr attraktiv.
Ich denke, dass man in jedem Beruf auch nach 10/15 Jahren noch etwas hinzulernen kann.

  1. Würdet ihr wechseln?
    Wenn ihr heute einen Ingenieursjob mit ca. 120k und aktuell sehr viel Homeoffice hättet, gleichzeitig aber die typische Abhängigkeit von einem Großkonzern mit Umstrukturierungen, wechselnden Arbeitsbedingungen usw.: Würdet ihr nochmal Master + Patentanwaltsausbildung machen?
Nein, wahrscheinlich nicht. Es sei denn, ich würde für den Beruf des Patentanwalts brennen und hätte viel Spaß an Juristerei.

Mich reizt vor allem die Vorstellung, langfristig mehr Kontrolle über die eigene Karriere zu bekommen und etwas aufzubauen, das stärker an die eigene Person, Expertise und Mandantenbeziehungen gekoppelt ist als an eine bestimmte Stelle in einem Unternehmen.
Wenn das für Dich der Hauptgrund ist, PA zu werden, dann solltest Du eher über eine Selbständigkeit als Nicht-PA nachdenken. Da hast Du alle genannten Vorteile, ohne Dich auf Patentarbeit für immer festzulegen. Denn eins ist klar: nach der Ausbildung gibt es (fast) kein zurück mehr.

Bin gespannt auf eure ehrlichen Einschätzungen.
Das waren ein paar kurze persönliche Einschätzugen von mir.
 

Userin

Vielschreiber
Ich kann mich den anderen hier nur anschließen und vieles aus eigener Erfahrung bestätigen.
Zu deinem letzten Punkt, der dich an dem Beruf reizt: Es dauert einige Jahre, bis du tatsächlich die Kontrolle übernehmen kannst. Während der Ausbildung hast du im Prinzip kaum eigene Kontrolle und bist stark von deinen Vorgesetzten abhängig. Du wirst dich wahrscheinlich lange so fühlen, als könntest du nichts. Nach meiner Erfahrung dauert es eher 5-6 Jahre, bis man sich in dem Job wirklich sicher fühlt. Auch nach den bestandenen Prüfungen (ca 3-4 Jahre) hat man noch längst nicht alles gesehen und gemacht und lernt in den darauffolgenden Jahren weiterhin sehr viel dazu.
Der Punkt, der dich an dem Beruf besonders reizt, wird also vermutlich erst nach 5-6 Jahren wirklich zum Tragen kommen und das nach einer durchaus harten Zeit. Ich würde mir daher gut überlegen, ob es dir das wert ist.
Zum Thema Stress und Gehalt:
Ich denke, dass es durchaus möglich ist, in einer entsprechenden Kanzlei den Job relativ entspannt auszuüben. Allerdings vermutlich nicht zu dem von dir gewünschten Gehalt, sondern eher zu einem Gehalt, das maximal deinem jetzigen entspricht. Ich persönlich finde das aber durchaus ein gutes Gehalt, wenn man dafür ein entspanntes Arbeitsleben hat.
Mich persönlich hat vor allem der selbstgemachte Druck gestresst, keine (wesentlichen) Fehler machen zu dürfen. Nach mittlerweile sechs Jahren ist dieser Druck bei mir aber quasi nicht mehr vorhanden, sodass ich inzwischen entspannt und mit viel Freude arbeiten kann.
Einen entscheidenden Vorteil des Jobs in einer Kanzlei sehe ich außerdem darin, dass man sehr selbstbestimmt und weitgehend eigenständig arbeiten kann. Für mich fühlt sich das Arbeiten nahe an einer Selbständigkeit an, was jedoch sicherlich vor allem an der Kanzleistruktur und meinen Vorgesetzten liegt.
Falls du es noch nicht gemacht hast, würde ich dir empfehlen mal einige Tage bis eine Woche ein Praktikum in einer Kanzlei zu machen. Das hilft dir sicherlich bei deiner Entscheidungsfindung. Man merkt sehr schnell, ob einem die Arbeit liegt oder eben auch nicht. Außerdem kann darüber auch ein konkretes Job Angebot entstehen.
 
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