Theoretische Physik und Zulassung zur Ausbildung zum PA

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Guest
[quote:Dipl.-Ing.]"Ich weiß ja nicht so genau wie es in anderen Patentanwaltskanzleien aussieht, aber unsere Arbeit ist extrem(!) theoretischer Natur, gebastelt oder experimentiert wird bei uns nicht :)"

Das nicht, aber der Mandant muss seine Erfindung wiederfinden, und es gibt übrigens viele Theoretiker, die nichtmal den Wesen der Erfindung zu erkennen vermögen, weil sie vor lauter Abstrahieren vergessen, worum es eigentlich geht. Wenn ich als "Dr. Theorie" mit einem potentiellen Mandanten spreche, der als Bauunternehmer tagtäglich "aufm Bau malocht", der lacht mich aus, wenn ich dem 'ne theoretische Anmeldung serviere, die er nicht versteht, und sucht sich einen anderen Anwalt.

Wenn überhaupt eine Aussage getroffen werden kann, dann die, dass die Arbeit eines Patentanwalts gerade nicht die "Pragmatiker" anspricht,

Falsch! Nicht nur, aber auch!

Ich erinnere daran, dass die Ausbildung sich explizit an Universitätsabsolventen richtet; die mehr praktisch ausgerichteten Fachhochschulausbildungen werden nicht ohne Grund als ungeeignet angesehen.

Quatsch, dass ist zum großen Teil Lobby und Besitzstandssicherung!

Langer Rede kurzer Sinn: Ein theorielastiges Studium ist keineswegs ein Nachteil sondern eher ein Vorteil.

Auch Quatsch, erstens siehe oben und zweitens kommt es viel zu sehr auf die Person selbst an, als dass man eine solche Aussage gelten lassen könnte.
 
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Roccafella

Guest
Ach du liebe Zeit, es scheint so zu sein, als ob hier irgendwelche noch nicht beendete universitären Auseinadersetzungen zwischen Theoretikern und Experimentatoren/Ingenieuren weitergeführt werden sollen.

Kurz zu mir: Auch ich habe vor meiner Ausbildungszeit zum PA (jetzt im 1 1/2 Jahr) in der theoretischen Physik promoviert. Und wie es im Leben nun mal ist, hat alles so seine Vor- und Nachteile.

Als Vorteil sehe ich die erhöhte Abstraktionsfähigkeit an, die den Theoretikern aufgrund der oft doch sehr mathematisch betonten Ausbildung immanent ist. Dies kann nicht nur bei Anmeldungen, sondern auch bei der Bewältigung des juristischen Teils der Ausbildung (Stichwort Hagen) von Vorteil sein. Allerdings zeigt sich doch schnell, daß die Juristerei schließlich doch nicht so genau wie die Mathematik ist...

Von Vorteil, oder von Nachteil (je nachdem) sind Kenntnisse im Umgang mit dem PC, die man als Theoretiker mit Sicherheit mitbringt. Bei uns am Lehrstuhl war es jedenfalls üblich, daß die (Linux) Rechner selbst verwaltet wurden. Man sollte allerdings darauf acht geben, daß man später nicht als Systemadministrator für die Kanzlei verheizt wird.

Es gibt jedoch auch gewisse Probleme. Und zwar liegen die nicht einmal darin begründet, daß man technische Sachverhalte nicht versteht, sondern schlicht in der mangelnden Kenntniss der technischen Fachbegriffe. Diese kann man jedoch während der Ausbildungszeit "on the run" erlernen. Ähnliches gilt für das Lesen technischer Zeichnungen.

Wie man sich denken kann, ist das auch ziemlich davon abhängig, in welcher Kanzlei man tätig ist. Als Theoretiker in einer Hardcore-Maschinenbaukanzlei ist es zumindest zu Beginn etwas schwieriger.

Zu der eingangs gestellten Frage bezüglich der Hürde, seitens des DPMA ist zu sagen, daß dies tatsächlich eine Hürde darstellt, aber keine nicht überwindbare. Man sollte allerdings schon während der Promotion schauen, ob man nicht zumindest kurzzeitig in einer technischen Nische (bei mir war es der Bau von konfigurierbarer Hardware) arbeiten kann und diese Zeit dann auch dokumentieren und sich bestätigen lassen.

Fazit: Ich denke, daß die Frage, ob es nun vorteilhaft oder nachteilig ist, Theortiker zu sein, sehr stark von dem Umstand geprägt wird, in welcher Kanzlei man arbeitet - zumindest im ersten Jahr. Danach egalisiert es sich sowieso mehr und mehr...
 
P

paule

Guest
ich bin auch theoretiker mit Promotion und hatte bisher auch in einer "hardcore - Maschinenbau - Kanzlei" keine Probleme. Hier sind auch schon einige Kandidaten gescheitert - und zwar allesamt nicht wegen mangelnder technischer Vorbildung sondern wegen mangelndem Abstraktionsvermögen, teilweise im Zusammenspiel mit bescheidener Formulierungsgabe. Ich kann allen Theoretikern nur zu diesem Schritt raten. Auch die breite theoretisch - Mathematische Bildug halte ich für sehr hilfreich. Ich verwende mit großer Begeisterung mathematische Fachbegriffe in Ansprüchen- erstens sind die respekteinflößend für den Prüfer und zweitens klar definiert.

Wegen der Anerkennung hatte ich keine Probleme. Bei einer Promotion ist ein bisschen Programmieren ja beinahe unumgänglich und wenn man das dann als "Sostwareentwicklung" tituliert und sich von seinem Professor bestätigen lässt, geht es nach meiner Erfahrung glatt durch.
 
P

Patenter Anwalt

Guest
Beim Schreiben eines Patentes oder bei der rechtlichen Bewertung von Sachverhalten im Zusammenhang mit einem Patent gibt es drei Stadien, die man unterscheiden muss :

a) das technische Verständnis des technischen Sachverhaltes (z.B. der Erfindung),
b) die juristische Bewertung des technischen Sachverhaltes,
c) die Formulierung des technischen oder juristischen Sachverhaltes (z.B. der Erfindung).

Das technische Verständnis hat abstrakte Komponenten und Begriffe, und basiert zum Teil auf mathematischen Konzepten.
Das Substrat des Rechtes aber ist die Sprache.

Hier ist meine Ansicht zu dieser Frage :

a) Sie können verschiedene Zugänge zum technischen Verständnis haben, und das technische Verständnis kann unterschiedlich tief sein. (Sie müssen nicht alles bis ins Detail verstehen um ein Patent zu schreiben, aber sie müssen die kritischen Aspekte soweit vertiefen, wie es für das jeweilige juristische Problem nötig ist. Das braucht viel Erfahrung). Die Frage, ob jemand theoretischer Physiker ist oder nicht ist hier ziemlich unwichtig (zumal das ja auch keine einheitlich ausgebildete Population ist). Es kommt auf die individuellen Fähigkeiten an. Wenn der technische Sachverhalt sehr abstrakt ist, mag ein Theoretiker im Vorteil sein. Meines Erachtens kommt es darauf nicht an. Viele Erfindungen haben eine handwerkliche Komponente, und wer noch nie gebastelt hat, kommt da mit Theorie nicht weit; er muss neue Fähigkeiten erschliessen.

b) Die Fähigkeit juristische Sachverhalte zu analysiseren, ist meines Erachtens nicht an die technische Vorbildung des Kandidaten gekoppelt, sondern an sein intellektuelles Funktionieren und an seine Persönlichkeit. Hier hat der Gegensatz "Theoretiker vs Praktiker" nur insofern eine Bedeutung, als dass Theoretiker eventuell weniger mit dem "Substrat Sprache" umzugehen gewohnt sind. Das ist aber meines Erachtens nicht signifkant, das die Entscheidung, Theoretiker zu werden, bei vielen zu einer Zeit fällt (typischerweise : Oberstufe), da die intellektuelle Konstitution, die für die Analyse rechtlicher Zusammenhänge wichtig ist, schon längst abgeschlossen ist (typischerweise : Ende der Orientierungsstufe). Es kommt hier doch sehr auf den Einzelfall an.

c) Die Fähigkeit, in sprachlichen Objekten zu denken, ist meines Erachtens unabhängig von der Fähigkeit, in mathematischen Objekten zu denken. Hier haben nicht nur Theoretiker Schwierigkeiten, sondern auch viele Praktiker (die ja im übrigen meist auch eine gehörige Portion Mathematik verabreicht bekommen haben). Jeder in unserem Beruf kennt Erfinder, die sehr gut formulieren, und andere, die sich nicht ausdrücken können. Auch bei Praktikern gibt es da eine erhebliche Bandbreite.

Fazit : ich halte diese Debatte für unwichtig. Man wird eventuell bei Theoretikern genauer hinschauen, ob sie nicht Theoretiker geworden sind, weil sie nichts anderes können. Aber das sieht man rasch. Den Rest muss man, wie auch bei Praktikern, über längere Zeit hinweg sondieren. Dazu dient unter anderem die Probezeit.
 
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