Arbeitszeiten und Work-life Balance

schido

Schreiber
Hallo zusammen,

Ich beschäftige mich seit ein paar Wochen mit dem Beruf des PA und versuche mir, durch lesen der Beiträge in diesem Forum, ein Bild zu machen. ich selbst komme aus dem Gebiet der Elektrotechnik und arbeite zur Zeit als Wissenschaftler. Aktuell kommen für mich nun 2 Wege in Frage. Der Wechsel in die Industrie und bspw. als Entwicklungsingenieur arbeiten oder eine Stelle mit leitender Funktion, oder der Weg des PA.

Thematisch scheint der Beruf des PA sehr interessant zu sein, sowie auch die selbstständige Arbeitsweise. Nun frage ich mich aber dennoch wie die Praxis im Bezug auf die Arbeitszeit im Kanzleiumfeld aussieht. Ich selbst bin ein Familienmensch und gebe der Freizeit daher einen hohen Stellenwert. Mein Wunsch ist es nicht bloß eine Familie zu haben, sondern auch aktiv daran teilzunehmen.

Nun habe ich schon viel von 50 - 70 h/Wochen gelesen sowie max. 2 Wochen Urlaub im Jahr, was mich ziemlich abschreckt.
Ist das noch aktuell? Die Wichtigkeit des Work-Life Balances ist in der Gesellschaft in den letzten Jahren ja durchaus stark gestiegen.

Mir ist klar, dass es rein theoretisch machbar ist aufgrund der freiberuflichen Tätigkeit auf wenige Stunden pro Woche zu kommen, aber die zusätzliche Ausbildung soll sich ja trotzdem noch finanziell lohnen und kein Rückschritt im Vergleich zum bspw. Entwicklungsingenieur sein.

Daher nun die Frage:
Ist es realistisch in einer Kanzlei mit 40h/Woche zu arbeiten (und ja wenn es mal sein muss auch mal 45h/Woche) und trotzdem finanziell besser dazustehen als der weg des Entwicklungsingeneurs?
Wie sieht das bei euch in der Praxis aus?

Ich weiß einige sind der Meinung man sollte den weg nicht aus rein finanziellen Gründen gehen, aber ich kann mich durchaus für vieles sehr schnell begeistern.

Vielen Dank schon mal für eure anregenden und konstruktiven Beiträge

PS: Ich weiß dass es schon ähnliche Threads gibt, z.b. https://kandidatentreff.de/community/threads/arbeitszeiten-und-gehalt.4417/
Aber hier ist der Thread schnell ins Thema Gehalt abgedriftet.
 

der_markus

*** KT-HERO ***
Hallo @schido,

ich habe Bedenken, dass du in einer Kanzlei mit 40h/Woche hinkommst. Ich glaube auch nicht, dass sich das inzwischen geändert hat. Im Kanzleialltag ist man von Fristen getrieben und je nach Anzahl der Fristen und der Komplexität der mit deren Erledigung verbundenen Handlungen können sehr schnell hohe Wochenarbeitsstunden anfallen bis hin dazu, dass man auch mal ein paar Wochenenden durcharbeiten muss. In der Kanzleiarbeit hat der Grundsatz "Das muss erledigt werden!" uneingeschränkt Vorrang vor dem Arbeitszeitkonto. Und genau diese Arbeitsbelastung ist in der Regel auch der Grund, warum ein Kanzlei-PA mehr verdient als ein Inhouse-PA oder Entwicklungsingenieur.
Bereits die PA-Ausbildung ist mit massiven Zeitopfern verbunden, da während dieser Zeit zu der 40-Stunden-Woche, die du in der Ausbildungskanzlei bereits leisten musst, noch das Fernstudium an der FU Hagen oder EPA-Ausbildung oder einfach allgemeines Lernen hinzukommen.

Ich bin ganz offen: wenn du Familienmensch bist und Wert darauf legst, nach 40h/Woche deinen Frieden zu haben und für deine Familie da zu sein, dann wirst du in der Industrie meiner Ansicht nach glücklicher sein.

Noch als Hinweis: Ein "Mittelweg" für dich könnte darin bestehen, dass du dir in der Industrie eine Stelle zur Ausbildung als "European Patent Attorney" (Zugelassener Vertreter vor dem EPA) suchst.

Grüße.
 

Kandidat1985

Vielschreiber
Hallo schido,

Ich kann meinem Vorredner nur zustimmen. In einer Kanzlei gibt es eine Lawine an Deadlines (Fristen), die bearbeitet werden müssen, konstanten Druck und Stress. Mit 40 h/Woche wird es da knapp. Ich kann mich erinnern, dass ich von meinem Chef (Patentanwalt) regelmässig E-Mails um 1 Uhr oder 2 Uhr morgens erhalten habe.

Wenn du auf Work-Life-Balance setzt ist eine Stelle als Entwicklungsingenieur sicher besser. Alternative, wie schon erwähnt, Ausbildung zum European Patent Attorney in einem Unternehmen. Da hast du sicher auch eine bessere Work-Life-Balance als in einer Kanzlei.

Uebrigens: Ich glaube, dass zur Zeit Patentanwalts-Stellen bei Siemens ausgeschrieben sind, vielleicht ist das ja für dich interessant. Einfach googeln. Infineon sucht auch hin und wieder Patentanwälte.

Grüsse,
Kandidat1985
 

schido

Schreiber
Hallo @der_markus und @Kandidat1985,

Vielen dank für eure Feedbacks!
Dann ist das Kanzleileben aktuell wohl tatsächlich nichts für mich. Wenn dann vielleicht in 10 - 15 Jahren wo die Kinder schon selbstständiger sind.

Ich bin bloß auf den Gedanken des PA gekommen, da die Industrie in Deutschland immer weiter abgebaut wird. Da wächst auch die Sorge dass die Entwicklungsarbeiten irgendwann outgesourct wird. Typischerweise nimmt dann der Anteil der Dienstleistungsbranche zu. Der Job des PA erschien mir als guter Weg frühzeitig in diese Dienstleistungsbranche zu rutschen. Deutschland ist im Verhältnis zu den Einwohnern immerhin die 2. meisten Patentanmeldungen, nach der Schweiz. Deutschland wird wohl auch nach der Deindustrialisierung bekannt dafür sein, das Land der Ideen zu sein (hoffentlich patentfähige Ideen)

@Kandidat1985 vielen Dank für die Infos.
Bei Siemens habe ich nur Stellen in Erlangen gefunden. Im Raum Berlin und Umgebung habe ich da bisher keine einzige Stelle im Ingenieursbereich gefunden.
Ist es schwer da in der Industrie für eine EPA Ausbildung reinzukommen? Ich kann mir vorstellen, dass sie die Stellen eher intern vergeben, da die Mitarbeiter schon in der Thematik sind.

Was sagt ihr zu der Denkweise?
 
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